Sanfter Muskelprotz

An den ersten RAV4 kann ich mich erinnern. Er war ziemlich klein, wendig und vielseitig und sprach mit seinem Look vor allem die jugendlichen Fahrer an und diejenigen, die es bleiben wollten. Von diesen Allrad-Spaßmobilen hatte es damals, in den Neunzigern, schon einige gegeben, von Suzuki bis Daihatsu, man konnte mit offenem Verdeck rumfahren und sich über lärmendes Getriebe und eigenwillige Gangschaltung ärgern. Die Zeiten haben sich geändert. Mittlerweile ist der Toyota RAV4 in seiner 6. Generation, er hat jetzt eine Länge von 4,60 aufzuweisen und die einstmals auf Allrad hindeutende Ziffer 4 erfüllt diesen Anspruch nicht mehr vollständig, der RAV4 ist nunmehr, neben Allrad, auch mit Vorderradantrieb erhältlich. Beide Ausführungen werden nur noch als Hybrid und Plug-in Hybrid angeboten. In unserem Bericht geht es um den RAV4 2WD Hybrid.

Beeindruckender Look
Kantig und solide präsentiert sich der RAV4, ein Muskelprotz könnte man sagen, was jedoch seiner unaufdringlichen, fast diskreten Eleganz keinen Abbruch tut. Ein imposanter, hoher Kühlergrill, breite schmale Scheinwerfer und seitliche untere Einbuchtungen für Nebelleuchten verleihen ihm einen dynamischen Look, im Innenraum geht es dafür in typischer Toyota-Manier nüchtern und aufgeräumt zu. Fünf Erwachsene finden hier bequem Platz, für das Gepäck sind 510 Liter Fassungsvermögen vorgesehen, bei umgeklappter Rückbank erhöht sich dies auf 1700 Liter. Fahrer und Insassen erwartet ein bequemes Interieur in vorzüglicher Verarbeitungsqualität, auf überflüssige Gimmicks und Spielereien hat Toyota verzichtet und bietet dafür Übersicht und Funktionalität, ohne auf elementare Sicherheits-Features zu verzichten, wie die üblichen Abstandswarner , Spur-Assist, Rückfahrtkamera beim Parken oder digitale Anbindung an die grosse Welt des Infotainment und induktives Laden für Handys.
Im direkten Blickfeld des Fahrers liegt eine Instrumententafel, die je nach Geschmack und Bedarf für die wichtigsten Infos konfiguriert werden kann, daneben in der Mitte des Armaturenbretts ein Touchscreen, Heizung und Lüftung werden über Knopfdruck bedient, wie auch die Auswahl der Fahrmodi. Unser Testmodell kam in der „Style“-Ausführung, wo beheizbare Frontscheibe, sensorgesteuerte Heckklappe, belüftete Vordersitze sowie elektrisch verstellbarer Beifahrersitz eine ohnehin schon ansehnliche Basis-Ausstattung ergänzen. Es kann losgehen!

Zuverlässiger Begleiter
Unser Testfahrzeug war das Vollhybrid-Modell mit Vorderradantrieb, einem 2,5 Liter Vierzylinder Benziner und einem Elektromotor. Die Systemleistung beträgt 136 kW / 185 PS, die Spitze beträgt 180 km/h, für den Sprint von null auf hundert muss man schon 8 Sekunden einplanen. Ein Sportler ist der RAV4 in dieser Konfiguration nicht, auch kein Sprinter, dafür glänzt er mit hohem Fahrkomfort, vernünftigem Ansprechverhalten bei ziviler Fahrweise. Nur bei hoher Beanspruchung etwa bei Bergauffahrt oder beim Überholmanöver erinnert das kurze Aufjaulen des Motors mit der stufenlosen Automatik an vergangene Zeiten, als wir uns jedes Mal bei einer Fahrt mit CVC-Getriebe Ohrstöpsel besorgen mussten, doch beim RAV4 passiert dies in durchaus verträglichem Masse. Erfrischend wendig und leicht beherrschbar zeigt sich der RAV4 auf kurvenreicher Strecke und zeigt hier ein souveränes Fahrverhalten, das man angesichts seiner Größe eigentlich nicht erwartet hätte. Eine präzise aber leichtgängige Lenkung trägt ihren Teil dazu bei und zeigte sich auch auf der Autobahn von ihrer besten Seite mit tadellosen Geradeauslauf, was zu entspanntem Fahrkomfort beitrug. Den erlebte man auch auf holprigen Strecken, wo sich dieser RAV4 als pflegeleicht und sanfter erwies, als man es einem SUV dieser Größe mit 2170 kg Gesamtgewicht zugetraut hätte. Auch im Stadtverkehr gab es keine Probleme, hier zeigt sich der Hybridantrieb von der sparsamen Seite, wenn man das Auto an der roten Ampel gemütlich auslaufen lässt und es bei Grün nicht allzu ernst mit den Aufforderungen des Hintermanns nimmt.

Vertretbare Werte
In puncto Verbrauch gibt es an diesem Hybrid nur Gutes zu vermelden. Zwar lag unser Verbrauch nach gemütlicher Rundfahrt auf dem Land mit 5,3 Liter über den Werksangaben (WLTP) von 4,9 Liter/100 km, bei intensivem Tempo auf der Autobahn, der deutschen, kamen wir auf einen Schnitt von 6 Liter/100 km, was durchaus vertretbar ist. Da hatten wir mit leichteren Hybrid-Modellen schon ganz andere Werte herausgefahren!
Gemütlicher Zeitgenosse
Er sieht dynamisch und kraftvoll aus, zeigt sich aber im Tageseinsatz als eher gemütlicher und entspannter Zeitgenosse, der es nicht nötig hat, seine Muskeln spielen zu lassen, die er auch gar nicht hat. Er glänzt mit viel Komfort und angenehmem Fahrverhalten in der Stadt oder auf dem Land und gleitet souverän über die Autobahn. Ein familienfreundlicher und umweltbedachter Toyota. In der sechsten Generation. Er hat nicht mehr den jugendlichen Drang von früher, aber er ist erwachsen geworden, würde meine Oma mit den Springerstiefeln sagen.



